50 Jahre Volksbühne Mils: Ein Jubiläum mit Tradition

Was wäre ein sol­ches Jubi­lä­um ohne das alle 10 Jah­re auf­ge­führ­te Para­de­stück mit Bezug auf Mils, „die Räu­ber am Glockenhof“

KRITIK VON FRANZ OSL

Jubi­lä­en sind etwas Groß­ar­ti­ges. Man blickt zurück, erin­nert sich an fast Ver­ges­se­nes, reka­pi­tu­liert, phi­lo­so­phiert. Fei­ert ein Thea­ter­ver­ein, wird meist zu einem tra­di­tio­nel­len, oft zum erst­ge­spiel­ten Stück gegrif­fen. Im gegen­ständ­li­chen Fall zu einem sehr tra­di­ti­ons­be­haf­te­ten, weil geschicht­lich rele­van­ten. Doch dazu spä­ter mehr.

Die Volks­büh­ne Mils hat seit sei­ner Wie­der­grün­dung ein hal­bes Jahr­hun­dert vol­ler tol­ler Büh­nen­mo­men­te, Ver­eins­aus­flü­ge, Ehrun­gen usw. hin­ter, und wohl auch noch vor sich, denkt man an die rüh­ri­ge Ver­eins­füh­rung. Zeug­nis dar­über legt die lie­be­voll gestal­te­te Fest­schrift ihrer ver­eins­in­ter­nen Thea­ter­zei­tung „Büh­nen­bild „ab, erhält­lich auf Anfra­ge. Was die Mil­ser jedoch viel­leicht von ande­ren abhebt, ist das bedin­gungs­lo­se Fest­hal­ten an Tra­di­ti­on. Tra­di­ti­on wird dort näm­lich groß geschrie­ben, und das nicht nur, weil sie ein Haupt­wort ist. Hier hat das Stück „Die Räu­ber am Glo­cken­hof“ irgend­wie auch ein Allein­stel­lungs­merk­mal. Ein Stück Mil­ser Dorf­ge­schich­te, basie­rend auf eine Sage. Und wie es so ist mit Sagen, man­ches ist Legen­de, vie­les über­lie­fert vom Hören­sa­gen, die Zeit über­dau­ernd, um sich ihren Platz als Denk­mal, viel­leicht sogar Mahn­mal zu sichern. Wenn nun die Geschich­te um die­sen Hans Gat­te­rer, der im 30-jäh­ri­gen Krieg dien­te, Schuld auf sich lud, raub­te, mor­de­te und den­noch im Her­zen ein guter, leut­se­li­ger Mensch war, heu­er zum 5. Mal auf­ge­führt wur­de, hat sich am ursprüng­li­chen Text von 1936 nichts geän­dert. Kein Anpas­sen an Emp­find­lich­kei­ten, Zeit­er­schei­nun­gen, Ani­mo­si­tä­ten. Gott­lob, denn sonst hät­te die­ses Stück nicht nach wie vor die Bri­sanz, die mit dem Tod von Hans Gat­te­rer durch das Richt­schwert ein gerech­tes Ende fin­det. So weit, so überliefert.

Hel­ga Föger-Pittl, seit Jah­ren gern gese­he­ne und all­seits belieb­te Regis­seu­rin, seit 2025 auch Obfrau, hat ein bewähr­tes Team an Spie­le­rin­nen und Spie­lern, hel­fen­den Hän­den um sich geschart. Aber auch, und die­sem Umstand muss man Respekt zol­len, eine Viel­zahl an neu­en Spie­lern „ins Boot geholt“, die erst­mals Büh­nen­luft schnup­pern konn­ten. Situa­ti­ons­be­dingt durch die Viel­zahl an zu beset­zen­den Cha­rak­te­ren. Aber auch risi­ko­be­reit, denn nicht jeder neue Besen kehrt auch gut. Ner­vo­si­tät macht sich breit, Unsi­cher­heit greift um sich, die Gedan­ken sind nicht ganz bei der Sache, Unvor­her­ge­se­he­nes pas­siert. Die Mit­glie­der wis­sen ein Lied davon zu sin­gen und aus dem Näh­käst­chen zu plau­dern (Fest­schrift, S. 20 und 34–36).

Wie gesagt, ein Risi­ko, ein der­art tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nes Stück teil­wei­se mit Neu­lin­gen zu beset­zen. Was sich jedoch lohn­te, da die­se sich lücken­los in das ein­ge­spiel­te Stamm­ensem­ble inte­grier­ten, was eine dich­te, packen­de, emo­tio­na­le, span­nen­de Insze­nie­rung zur Fol­ge hat­te. Gege­ben­hei­ten, wie der 30-jäh­ri­ge Krieg – 1618 bis 1648 – , Patri­ar­chat, Gewalt nach dem Mot­to: Der Lau­te­re hat immer recht,… hat­te damals Aktua­li­tät. (Anmer­kung: Die Spre­che­rin des Pro­logs und Dar­stel­le­rin der Mar­tha Gat­te­rer, Sabri­na Engl, wies auf den Roman „Die Brü­der von Lasa­wa“ von Ger­traud Fus­se­n­eg­ger hin, wo die Tra­gik die­ser Zeit the­ma­ti­siert wird). Die­se Bri­sanz darf auch im Spiel zur Gel­tung kom­men. Muss es sogar, um glaub­haft zu sein. Die Räu­ber „gstand´ne Man­der“, trink­freu­dig, die Faust geballt in der Hosen­ta­sche, bereit dazu, sie jeder­zeit ein­zu­set­zen. Die Frau­en, am Glo­cken­hof in der Min­der­zahl. Ein­ge­schüch­tert, evtl. des Man­nes unter­tan. Und doch, ste­ter Trop­fen höhlt den Stein, der Trop­fen, der auch das Fass zum Über­lau­fen bringt. Und dann eska­liert der Friedfertigste.

Packend, scho­nungs­los insze­nier­te die Regis­seu­rin die Geschich­te um den Glo­cken­gie­ßer, der qua­si „im Ange­sicht des Todes“ noch den Klang sei­ner Glo­cke, die er als Buße gegos­sen hat­te, mit auf die „Rei­se ohne Wie­der­kehr“ nahm.

Es ist beacht­lich, drei Büh­nen­bil­der auf die­se nicht all­zu gro­ße Büh­ne zu ver­frach­ten. Auch sehr nach­hal­tig, wenn gewis­se Kulis­sen und Büh­nen­tei­le schon in ver­schie­de­nen Stü­cken eine nicht unbe­trächt­li­che Rol­le spiel­ten. Über­haupt war das gan­ze Ver­eins­haus gefühl­ter Teil der exqui­si­ten Insze­nie­rung. Viel­leicht nicht das Publi­kum, aber das Ser­vice­per­so­nal, Mit­glie­der der Volks­büh­ne, his­to­risch geklei­det und im 3. Akt Teil der Bevöl­ke­rung am Richt­platz. Zahl­reich auch die Sym­bo­lik, die stück­be­glei­tend war. „Schlaf, Kind­lein, schlaf“, text­lich adap­tiert, gesun­gen von einer glo­cken­hel­len Kin­der­stim­me. Der­ar­ti­ges ist aus Hor­ror­fil­men bekannt, und des­halb brach­te es eine gru­se­li­ge Kom­po­nen­te mit sich. Der Herr­gotts­win­kel, der im Stück­ver­lauf abge­deckt wur­de, als Hin­weis, dass die Leu­te nun „von Gott ver­las­sen wären“. Der Ast, der beim Urteil über dem Delin­quen­ten gebro­chen wur­de. sym­bo­lisch für „Den Stab über jemand bre­chen“. Gericht­li­cher Brauch, wenn über einen Ange­klag­ten die Todes­stra­fe ver­hängt wurde.

Vie­les wur­de hier stück­be­zo­gen mit­ein­kal­ku­liert. Die lyri­schen Kom­po­si­tio­nen des Mil­ser Musik­pro­du­zen­ten, Kom­po­nis­ten und Label­be­sit­zers Manu Stix , sti­lis­tisch teil­wei­se erin­nernd an iri­sche Volks­lie­der. Der Herold, der mit der Land­knecht­strom­mel den Beginn und die Akte ankün­dig­te und für Auf­merk­sam­keit sorg­te. Die tol­le Gestal­tung der Speisen‑, Geträn­ke­kar­te. Mit so ori­gi­nel­len Namen wie „Trief­aug“ für die Weiß­wurst (die eigent­lich das „12e-Läu­ten“ nicht hören dürf­te, und das, wo doch abends gespielt wird und der Glo­cken­hof titel­ge­bend ist), „Lang­hans“ für die St. Johan­ner oder der „Räu­ber­topf“ für die Gulasch­sup­pe. Samt und son­ders Rol­len­na­men aus den „Räu­bern am Glockenhof“.

Beson­de­re Gäs­te waren auch gekom­men. Der kath. Arbei­ter­ver­ein Hall und Umge­bung, der sei­ner­zeit das Ver­eins­haus Mils errich­te­te oder Mit­glie­der der „Hei­mat­büh­ne Vahrn“ in Süd­ti­rol, mit denen die Mil­ser eine jah­re­lan­ge Freund­schaft ver­bin­det. Wie lan­ge die von Vahrn wohl fahr´n…? Schluss­end­lich wur­den dann die Bär­te, die sich die „Räu­ber“ extra wach­sen lie­ßen, auf der Büh­ne abra­siert. Ein Umstand, der an die heu­ri­ge Pas­si­on in Erl erin­ner­te. Nicht abwe­gig, da das Thea­ter für die Mil­ser auch eine Pas­si­on dar­stellt. Und so ist die Volks­büh­ne Mils rund um die Uhr mit Thea­ter ver­bun­den. Oder um es Mari­an­ne Mendt zu sagen: wia a Glo­cken, de 24 Stun­den läut…

Franz Osl, Angath

Grup­pen­bild der Schau­spie­ler und Mitwirkenden:

Die Mit­wir­ken­den bei der ers­ten Auf­füh­rung vor 50 Jahren

Ein Gedicht über die Glockenhofer

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Das Kommentar muss vor Veröffentlichung von der Redaktion freigegeben werden.

Nach oben scrollen